Bei Zahnschmerzen und Kieferproblemen denken wohl die Wenigsten daran, dass die Ursache dafür viel weiter unten liegt – im Rücken. Tatsächlich können Fehlhaltungen in der Wirbelsäule den Kauapparat aus Zähnen, Bändern und Gelenken aus dem Takt bringen. Mit schmerzhaften Folgen für die Betroffenen! Zum Tag der Rückengesundheit (15. März) erklären wir, was die Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist und wie der Zahnarzt auch bei Rückenproblemen helfen kann. Zum Tag der Rückengesundheit klärt eine junge Frau ab, ob die Rückenschmerzen mit den Zähnen zusammenhängen.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Der Kauapparat ist eng mit der Muskulatur im gesamten Körper verbunden.
  • Gesunde Zähne können die Statik des Körpers beeinflussen.
  • Durch Fehlhaltungen entstehen Verspannungen im Rücken, die sich über die Halswirbelsäule bis zum Kiefer ausdehnen können.
  • Die Funktionsstörung des Kiefergelenks in Zusammenwirkung mit Verspannungen im gesamten Körper bezeichnet man als Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD).
  • Die CMD unterscheidet man in aufsteigende- und absteigende Dysfunktion.
  • Eine CMD zeigt sich durch vielseitige Schmerzen wie Tinnitus, Kopfschmerzen und extreme Verspannungen.
  • Die CMD-Therapie gelingt nur durch die Zusammenarbeit des Zahnarztes mit Fachärzten und Physiotherapeuten.

Mund und Muskulatur sind eng miteinander verbunden

Vielen ist nicht bewusst, dass der Mund und die Muskulatur im gesamten Körper zusammenhängen. Beim Kauen, Sprechen und Lachen bewegen wir nicht nur unseren Kiefer, sondern auch Kopf, Hals, Rücken und Extremitäten. An einem herzlichen Lachanfall zum Beispiel sind etwa 135 Muskeln im gesamten Körper beteiligt!

Wissenschaftler der Universitäten aus Barcelona und Innsbruck  haben sogar herausgefunden, dass gerade Zähne die Balance des gesamten Körpers positiv beeinflussen können. Gesunde Zähne sind also eine Frage der Haltung!

Diese innige Verbindung zwischen Mund und Muskulatur ist jedoch nicht einseitig, sondern verläuft in beide Richtungen. Wie wir jetzt schon wissen, sind gerade Zähne wichtig für die Balance des Körpers – genauso haben aber auch die Muskeln im Rücken und im gesamten Körper Einfluss auf das, was im Mund passiert.

MehrWissen: Sind wir wach, ist unser Körper andauernd unter Muskelspannung. Das nennt man auch Muskeltonus. Den brauchen wir auch, damit Bewegung überhaupt gelingt. Wenn wir schlafen weicht der Muskeltonus und wir entspannen komplett.

Die Fehlerkette beginnt: Wir sitzen zu viel und bewegen uns zu wenig!

Das ist gut für uns, denn so könnten wir durch gezieltes und gesundes Rückentraining den Körper im Gleichgewicht halten. Der Alltag sieht jedoch oft anders aus! Nicht umsonst ist “Rücken” Volkskrankheit Nummer zwei in Deutschland!

Die meisten Menschen gehen, stehen, sitzen und richten sich im Alltag nicht bewusst aus. Dazu kommen angeborene oder erworbene Fehler in der Statik und der Muskeldynamik. Bekannt sind Beckenschiefstand, Fußgewölbestörungen und Fehlhaltungen wie Skoliose, Flachrücken, Rundrücken, Hohlkreuz oder die Kombination als Hohlrundrücken. Das macht es dem Rücken schwer, eine gesunde Balance zu finden!

  • Flach-, Rund-, Hohlrundrücken oder Hohlkreuz: Alle Fehlhaltungen weichen von der natürlichen Biegung der Wirbelsäule ab. Das kann zu erheblichen Schmerzen und Verspannungen in der Rückenmuskulatur führen, weil die Muskulatur versucht, die Fehlhaltungen auszugleichen.
  • Skoliose: Zur seitlichen Verbiegung der Wirbelsäule kommt eine Verdrehung der Wirbelkörper. Die dreidimensionale Verformung der Wirbelsäule schränkt die Beweglichkeit ein und kann nicht durch eine andere Körperhaltung ausgeglichen werden.
  • Beckenschiefstand: Der häufigste Grund für einen Beckenschiefstand sind unterschiedlich lange Beine. Im Jugendalter ist ein Beckenschiefstand völlig normal, weil die Knochen unterschiedlich schnell wachsen. Treten die Unterschiede jedoch im Erwachsenenalter auf, kann ein Beckenschiefstand zu Verspannungen und Dysbalancen in der Lenden- und Halswirbelsäule führen.
  • Fußgewölbestörung oder “Knick-Senk-Fuß”: Das Fußlängsgewölbe sinkt von der Innenseite gesehen in Richtung Auftrittsfläche ab, weil die Spannung der Tibalis-posterior-Sehne nachlässt.

Zur angeborenen oder erworbenen Fehlhaltung kommt der Bewegungsmangel: 70 Prozent der Deutschen bewegen sich weniger als 30 Minuten pro Tag. Die Muskulatur verkümmert, die Sehnen verkürzen sich.

Kopf hoch! Rückenschmerzen durch den Handy-Nacken

Das passiert übrigens auch, wenn wir häufig aufs Handy schauen. Dabei neigen wir unseren Kopf, der zwischen vier bis sechs Kilogramm wiegt, nach vorne. So wirken zusätzlich bis zu 27 Kilogramm bei einem Neigungswinkel von 45 Grad auf den Rücken. Das macht die Muskulatur nicht lange mit und verkrampft.

Tipp: Die meisten von uns verbringen den Tag im Sitzen – im Büro, im Zug und zu Hause vor dem Fernseher. Der Rücken kommt dabei oft zu kurz! Deshalb ist es wichtig, sich immer wieder aufzurichten und sich selbst bei Fehlhaltungen zu ertappen. In diesem Video von den Schmerzspezialisten Liebscher & Bracht gibt’s Tipps für eine gesunde Sitzhaltung am Arbeitsplatz.

Die aufsteigende Dysfunktion bringt das Kiefergelenk aus dem Takt

Durch ständige Fehlbelastungen im Rücken entstehen auf Dauer muskuläre Verspannungen, die sich bis zum Kiefergelenk ausdehnen können. In diesem Zusammenhang spricht man von einer aufsteigenden Dysfunktion, also einer Fehlerkette von unten nach oben.

Mediziner fassen Funktionsstörungen der Kiefergelenke, die mit der Kaumuskulatur und der Wirbelsäule zusammenhängen, unter dem Begriff Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) zusammen. Cranium ist lateinisch und bedeutet “Schädel”, Mandibula steht für “Kiefergelenk”.

Weitere Ursachen für eine CMD sind:

  • ständiges Zähneknirschen (Bruxismus)
  • unversorgte Zahnlücken
  • falscher Zahnersatz
  • gekippte Zähne
  • zu hohe Zahnfüllungen

Ober- und Unterkiefer passen nicht mehr aufeinander

Die Fehlstellungen von Becken, Beinen oder sogar Füßen bringen die Statik des gesamten Körpers durcheinander. Die Halswirbelsäule überträgt die Dysbalancen auf das Kiefergelenk.

Das führt in vielen Fällen dazu, dass Ober- und Unterkiefer nicht mehr richtig aufeinander passen. Beim Schlucken und Zubeißen wird der Unterkiefer in eine unnatürliche Position gezwängt. Es kommt zu einer Fehlbelastung des sensiblen Systems aus Muskeln, Bändern und Gelenken.

Eine Studie der Poliklinik für Kieferorthopädie der Goethe-Universität Frankfurt am Main untersuchte die Auswirkung von Beinlängendifferenz auf die Oberkörperstatik und die Lage des Unterkiefers bei CMD-Patienten. Die Beinlängen wurden künstlich verändert und dabei stellte man fest, dass sich der Effekt aufsteigend fortsetzte. Es gab einen Zusammenhang vom Fuß über die Wirbelsäule zum Schädel.

Das sind die Symptome einer CMD

Betroffene können häufig den Mund nicht mehr richtig öffnen und hören Knackgeräusche bei Kaubewegungen. Darüber hinaus zeigt sich eine CMD durch viele Gesichter – die meisten davon sind überaus schmerzhaft!

  • Augen und Ohren – Tinnitus, Schmerzen hinter den Augen, Doppelsehen, Ohrenschmerzen.
  • Nacken und Kopf – Schmerz in Kopf, Nacken und Schulter, Gesichtsschmerz, Gleichgewichtsstörungen.
  • Zähne und Gebiss – Zahnschmerzen (LINK: https://information-mundgesundheit.de/zahnschmerzen-hausmittel-helfen/) , Schwierigkeiten beim Kauen und Mundöffnen, Zähneknirschen, Störgefühl am Zahn.
  • Kiefer und Hals – Knacken im Kiefergelenk, Kiefersperre, Kauen nur auf einer Seite, Halsschmerzen, Sprachprobleme.
  • Rücken und Beine – Beckenschiefstand, Rückenschmerzen, Bandscheibenprobleme, Blockaden, Schmerzen beim Gehen, Schmerzen in Knien oder Hüfte.
  • Körper und Seele – Übelkeit, Schlafstörung, Verstimmung, Taubheitsgefühle, Verspannung.

Die Liste der Einschränkungen fällt bei jedem Patienten anders aus und kann weitere Symptome zeigen.

Mehr Wissen: Die Schwierigkeit: Krankheitsbilder können der CMD oft nicht eindeutig zugeordnet werden. Die Symptome wie Schmerzen von Kopf bis Fuß werden behandelt, aber man findet die Ursache nicht. 

Der CMD-Selbsttest

Nicht jeder Schmerz im Kiefergelenk ist gleich eine CMD. Sie können aber trotzdem relativ einfach herausfinden, ob Ihre ungeklärten Kopfschmerzen oder Rückenprobleme möglicherweise doch etwas mit Ihrem Kiefer zu tun haben:

Wenn Sie die meisten der folgenden Fragen mit “Ja” beantworten können, sollten Sie die Schmerzen auf jeden Fall mit Ihrem Zahnarzt abklären!

  • Knirschen Sie mit den Zähnen oder Pressen Sie Ihre Zähne aufeinander?
  • Öffnet sich Ihr Mund bei langsamer kontrollierter Bewegung gerade oder ungerade?
  • Leiden Sie unter Schmerzen im Kiefergelenk oder im Bereich der Ohren?
  • Nehmen Sie beim Öffnen oder Schließen des Mundes Knack- oder Reibegeräusche im Kiefergelenk wahr?
  • Haben Sie häufig Ohrgeräusche (Tinnitus)?
  • Leiden Sie unter Verspannungen im Nacken und der Schulter?

Solch ein Test ersetzt natürlich nicht den Besuch beim Arzt, sondern liefert lediglich Anhaltspunkte für eine mögliche CMD!

So hilft der Zahnarzt bei einer CMD

Aufgrund vielfältiger Symptome fällt die Diagnose von CMD schwer. Bei einem Verdacht geht der Zahnarzt den Ursachen für die Schmerzen gemeinsam mit anderen Fachärzten auf den Grund.

Das sind die häufigsten Methoden der CMD-Therapie:

  • Aufbissschiene (Okklusionsschiene) soll die Kau- und Kopfmuskulatur entspannen und das Kiefergelenk entlasten. Es gibt positive wie negative Rückmeldungen.
  • Medikamente zur Schmerzstillung, Schlafförderung, Entspannung der Muskulatur können zur Entlastung führen und eine Chronifizierung der Schmerzen eindämmen. Die Lebensqualität wird wieder gesteigert. Auf Dauer sind Medikamente keine Lösung.
  • Entspannung der Muskulatur durch transkutane elektrische Nervenstimulation oder Triggerpunkt-Infiltrationen.
  • Liegt fehlerhafter Zahnersatz vor? Dann sollte eine Sanierung sorgfältig geplant werden.

Zahnarzt Lennard Bertram informiert zu Zahnschmerzen am Tag der ZahnschmerzenZahnarzt Lennard Bertram, Zahnarztpraxis Bertram aus Leer, ist Spezialist für die Funktionsanalyse der Kiefergelenke und erklärt eine neue Methode zur Feststellung und Behandlung von möglichen Ursachen einer CMD. „Ganz neu im Kommen ist das synchronisierte Messen von Biß-Zeitpunkt und Kraft mit Elektromyographie. Hiermit kann man zeigen, welche Zahnkontakte Bruxismus – also krankhaftes Zähneknirschen – auslösen und diese beseitigen.“

Anwendungen durch Physiotherapeuten, die auf CMD spezialisiert sind, können die Muskelspannung im Kiefer sowie Nacken- und Schulterbereich regulieren. Die Patienten lernen, hohe Muskelspannung zu erkennen und ihr selbst vorzubeugen. Auch bei aufsteigender Dysfunktion kann eine unterschiedliche Beinlänge, ein Beckenschiefstand sowie eine Fehlhaltung gezielt behandelt werden.

Locker bleiben für einen gesunden Rücken!

Der Tag der Rückengesundheit ist doch eine gute Gelegenheit, sich noch einmal bewusst zu machen, was wir uns täglich alles auflasten – und was unser Rücken eigentlich davon hält. Jeder kann etwas für eine gute Balance im Leben tun. Schon jetzt, während Sie diesen Text lesen. Richten Sie sich auf, strecken Sie sich und lachen Sie einmal herzlich drauf los. Denn dabei entspannt sich die Kiefermuskulatur und wir bleiben herrlich locker!

Über den Tag der Rückengesundheit:

Auf Initiative des Forums Schmerz im Deutschen Grünen Kreuz wurde der “Tag der Rückengesundheit” im Jahr 2002 eingeführt. Jeweils am 15. März eines Jahres lenkt der Aktionstag die Aufmerksamkeit auf aktive Prävention von Rückenschmerzen.