Erst plappern sie ohne Luft zu holen und später bekommen sie die Zähne nicht auseinander: Kinder und Jugendliche entwickeln sich in Relation zum gesamten Leben in ihrer ersten Phase rasant – physisch und psychisch. Die Zähne und ihr Wechsel sind dafür nur ein äußeres Merkmal von vielen. Bis ins 21. Jahrhundert würdigte man die Bedürfnisse junger Menschen im Bereich Zahnmedizin kaum. Das hat sich geändert und wir berichten darüber: Die Kinderzahnärztin, der Kinderzahnarzt – ein Thema mit Zukunft!

  • Die Kinderzahnheilkunde ist eine junge Disziplin. Nach dem Studium der Zahnmedizin gibt es verschiedene Wege der Fortbildung, sich für dieses Gebiet zu qualifizieren.
  • In der Kinderzahnmedizin sind überwiegend weibliche Zahnmedizinerinnen tätig. Das spiegelt den Trend einer allgemeinen Femininisierung der Medizin wider.
  • Kinderzahnärztin Meike Wenzlaw hat viele Tipps auf Lager. Das zeigt: Von der Spezialisierung profitieren die Kleinen auf jeden Fall.
  • Qualifizierte Kinderzahnärzte erkennt man an verschiedenen Faktoren. Dazu gehören die kindgerechte Praxismöblierung, ein empathisches Praxisteam sowie speziell ausgebildete Mediziner, die Kinder freundlich und sicher führen.
  • Eltern sollten Vorbild sein: So kann die Angst vor dem Zahnarzt verhindert werden und Pflege und eine zahngesunde Ernährung sind für den Nachwuchs normal.

So kann sich ein Kinderzahnarzt qualifizieren

Alle Zahnärztinnen und Zahnärzte  absolvieren zunächst ein Studium der Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde. Später entscheidet sich manch einer für die Qualifikation in einem Bereich seiner Wahl. Wer sich für Kinder und Jugendliche einsetzen will, kann diverse Fortbildungen belegen:

  • Curriculum Kinder- und Jugendzahnheilkunde: rund 150 Fortbildungsstunden, nach erfolgreichem Abschluss mit das “Zertifikat für Kinder- und Jugendzahnheilkunde”.
  • Master-Studiengang: berufsbegleitendes Studium an der Universität Gießen/Marburg oder Greifswald.
  • Spezialisierungen: verschiedene Nachweise der Arbeit als Spezialist und erfolgreiches Kolloquium (mündliche Prüfung) führen zur “Ernennung zum /zur Zahnarzt/Zahnärztin mit Zusatzqualifikation in Kinder- und Jugendzahnheilkunde”.
  • Einzelkurse: Vertiefung einzelner Themen.

Kurse und Tagungen ergänzen das Angebot der Fortbildung. Es geht zum Beispiel um Zwischenmenschliches wie “verbale und nonverbale Kommunikation mit Kindern”, faktenorientierte Bereiche wie “Der kariöse Milchzahn” oder praktische Arbeitskurse in Endodontie (Behandlung des Zahninneren) und schließlich kann man sich im “Dental English” fortbilden.

Die Wahl der Kurse hängt von Praxisumfeld, Patientenstruktur und den persönlichen Bedürfnissen der Zahnmediziner ab.

Erst 2013 gründete sich in Deutschland der Bundesverband für Kinderzahnärzte; er ging aus dem Verein zur Förderung der Kinderzahnheilkunde hervor. Damals gab es gerade mal drei Professuren an 25 deutschen Hochschulen für Kinderzahnheilkunde – man kann von einem Stiefkind der Zahnmedizin sprechen. ”Alle Mitglieder haben sich auf Kinder- und Jugendzahnheilkunde spezialisiert und haben diesbezüglich eine profunde Aus- und Weiterbildung absolviert”, heißt es auf www.bukiz.de, der Website des Bundesverbandes. Mit der Suchfunktion finden Eltern Spezialisten in ihrer Region.

“Es darf sich nur derjenige Zahnarzt als ‘Kinderzahnarzt’ und seine Praxis als ‘Kinderzahnarztpraxis’ bezeichnen, der die notwendige Qualifikation hat und diese im Zweifel auch belegen kann”, zieht die Redakteurin Anna Stenger, LL.M. ihr Fazit im Artikel Wann darf ein Zahnarzt sich als Kinderzahnarzt bezeichnen (ZWP Online, 06.07.2017). Ein langwieriger Prozess war dem vorausgegangen. Eltern sollten sich beim ausgewählten Arzt zuvor über seine Qualifikation erkundigen … Namen sind zu häufig Schall und Rauch.

Warum sind so viele Kinderzahnärzte weiblich?

Ausschließlich Frauen bilden den Vorstand des Bundesverbandes für Kinderzahnärzte in Deutschland. Auch das Namensverzeichnis ist feminin geprägt. Ein Zeichen? Können männliche Zahnärzte nicht mit Kindern umgehen? Oder wollen sie das nicht? Oder liegt es an der Akzeptanz durch Mütter, die zumeist die medizinische Versorgung der Kleinen organisieren?

Vielleicht ist es ganz einfach: Die dentale Welt wird weiblich. Laut Bundeszahnärztekammer waren im Wintersemester 2013/2014 nur noch ein Drittel aller zahnmedizinischen Studenten Männer. 2016 gab es bei den jungen Studierenden im Alter von 25 bis 35 Jahren mit 62,5 Prozent mehr Frauen.

Wäre es nicht gut, wenn allein das Wesen neben der medizinischen Qualifikation für die gute Behandlung der Kinder beachtet würde – unabhängig vom Geschlecht? So wünscht man sich auch bei Erziehern und in den Grundschulen mehr Männer, da die erste Lebensphase stark von Frauen geprägt wird. Eltern legen bei der Wahl eines Kinderzahnarztes sicherlich auch darauf ihr Augenmerk.

Zähnchen da? Termin machen! Zeigt sich der erste Milchzahn, sollte der Nachwuchs dem Zahnarzt, gerne auch dem Kinderzahnarzt, vorgestellt werden. Das Kind gewöhnt sich an Kontrolluntersuchungen – die Eltern ebenfalls. Kinderärzte raten dazu erst ab dem dritten Lebensjahr. Kinderzahnärzte sehen das anders: Sie haben regelmäßig mit kariösen Zähnen bei Kleinkindern zu tun. Weitere Tipps und Infos zu Babys erstem Zahn gab es in der letzten Ausgabe von Information Mundgesundheit.

Wir fragen Kinderzahnärztin Meike Wenzlaw, Dentolino Kinderzahnarzt in Ulm

Warum hast du dich als Zahnärztin für das Spezialgebiet “Kinder” entschieden?

Ich bin Kinderzahnärztin geworden, weil mir die Arbeit mit Kindern sehr viel Spaß macht und ich dazu beitragen möchte, dass Kinder gerne zum Zahnarzt gehen und den Zahnarztbesuch schmerz- und angstfrei erleben können. Darauf legen wir in unserer Kinderzahnarztpraxis in Ulm großen Wert.

“Kinderzahnheilkunde” steht auf vielen Schildern von Zahnarztpraxen: Welche Weiterbildung oder Fortbildung qualifiziert dich als Spezialistin für Kinder?

Wie alle Zahnärzte in Deutschland habe ich Zahnmedizin studiert. Zur besonderen weiteren Qualifikation in meinem Lieblingsthema habe ich im Anschluss das Curriculum für Kinderzahnheilkunde absolviert.

Welche besonderen Fähigkeiten oder Eigenschaften sollten Kinderzahnärzte mitbringen?

Neben der zusätzlichen Qualifikation sollten Kinderzahnärzte Spaß an der Arbeit mit Kindern haben. Außerdem brauchen sie viel Geduld und Einfühlungsvermögen.

Wo siehst Du jetzt und in Zukunft die größten Herausforderungen in Bezug auf die Mundgesundheit von Kindern und Jugendlichen?

Die größte Herausforderung im Bereich der Kinder- und Jugendzahnheilkunde ist die frühkindliche Karies, die durch hochfrequenten Konsum kariogener Nahrung (meist zucker- und säurehaltigen Getränke aus der Nuckelflasche) in Verbindung mit mangelhafter Mundhygiene entsteht. Voraussetzung ist die Übertragung der Kariesbakterien von den Eltern auf das Kind!

Karies wird immer mehr zum Problem der ganz Kleinen – was denkst Du über diese Entwicklung?

Frühkindliche Karies ist leider immer noch ein sehr großes Problem und zeigt, dass Eltern dazu besser aufgeklärt werden müssen. Die meisten Kleinkinder werden viel zu spät einem Zahnarzt vorgestellt. Der erste Zahnarztbesuch sollte mit Durchbruch des ersten Milchzahnes erfolgen: So können die Eltern frühzeitig informiert und zu zahngesundem Verhalten angeleitet werden. Dazu zählen:

  • Mundhygieneinstruktion
  • Ernährungsberatung
  • Fluoridanamnese und Fluoridierungsempfehlungen
Eltern, die ihre Kinder nicht sorgfältig zur Zahnpflege anleiten: Wie begegnest Du diesem Fehlverhalten?

Da setzte ich auf von Anfang an auf die Motivation der Eltern, indem ich über die Folgen für die Kinder aufkläre.

Hast du eine grundsätzliche Bitte an Eltern?

Oh ja, sogar gleich mehrere! Ich würde mich freuen, wenn Eltern das Thema Zahngesundheit ernst nehmen und zuhause umsetzen. Das bedeutet: Zweimal tägliches Zähneputzen und Nachputzen – mindestens bis zum neunten Lebensjahr. Da darf keine Ausnahme gemacht werden! Zahngesunde Ernährung gehört auch zu meinen Bitten. Außerdem der halbjährliche Kontrolltermin sowie zusätzlich der halbjährliche Prophylaxetermin ab dem sechsten Lebensjahr.

Angst vor dem Zahnarzt: Woher kommt die eigentlich?

Negative Erlebnisse beim Zahnarzt begründen Ängste. Und dann sind da auch Horrorgeschichten über den Zahnarzt, erzählt von Eltern, Geschwistern oder Freunden.

Was können Eltern tun, um Kinder zu einem zahngesunden Verhalten zu motivieren?

Ganz ehrlich? Ein gutes Vorbild sein! Eltern sollten selbst Mundhygiene und eine zahngesunde Ernährung vorleben. Die Kinder gucken sich das ganz einfach ab.

Welches ist dein Lieblings-Zahnkinderbuch?

Das sind zwei Titel. Einmal “Zähne putzen, Pipi machen” aus der Serie “Wieso?  Weshalb? Warum?” von Ravensburger. Und das Buch “Blitzeblank sind alle meine Zähne” von der Autorin Sandra Grimm sowie der Illustratorin Andrea Hebrock.

Danke für Deine Zeit und die praktischen Hinweise, liebe Meike!

Kinderzahnärzte und das Problem mit der Angst

Sind es nicht eher Eltern, die ihre schmerzhaften Erfahrungen auf die Kinder übertragen? “Das tut gar nicht weh.” – dieser Satz ist sicherlich lieb gemeint, bewirkt wohl das Gegenteil. Kinderzahnärzte sind in der Thematik “Schmerz” geschult und Eltern dürfen ihnen die Einstimmung auf Untersuchung oder Behandlung überlassen. Man spricht auch von den Elternregeln: Während der Behandlung halten sich die Erwachsenen im Hintergrund.  

Forscher der University of California in Riverside haben herausgefunden, dass sich Schmerzempfinden verstärkt, wenn Patienten zuvor suggeriert wird, dass ein Schmerz auftreten könnte. Die Forscher befürworten mit Kindern eine offene Kommunikation über die Behandlung, halten Ablenkungsmanöver vor Spritze und Ähnlichem für angemessen.

Unruhe, Angst, Trotz – mit diesen Aspekten kindlichen Verhaltens müssen Kinderzahnärzte umgehen. Das Prinzip der ritualisierten Verhaltensführung hat sich als praktikabel erwiesen, Kinder positiv und zugewandt durch den Besuch und die Behandlung in der Praxis zu lotsen.

Was bedeutet dieser etwas sperrige Begriff? Das Verhalten des Kindes wird durch Rituale und uneingeschränkte Aufmerksamkeit fokussiert. Ein wenig ähnelt die ritualisierte Verhaltensführung dem Vorlesen der Lieblingsgeschichte: Jede Betonung und jedes Wort muss immer gleich erfolgen. Macht der Vorleser Späße oder weicht ab, verliert der Zauber dieser innigen Beziehung während des Vorlesens seine Kraft.

Aufmerksame Kinderzahnärzte binden ihr Team in die Methode ein. So begrüßt die Helferin nicht nur die erwachsene Begleitperson, sondern zunächst das Kind: “Hast du deine Versichertenkarte dabei?” Sogar die Möblierung ist daraufhin konzipiert: Die Theke ist an einer Stelle so niedrig, dass kleine Menschen einen freien Blick haben und beim Betreten der Praxis nicht gegen eine “Mauer” rennen.

So lässt sich das Bild einer Praxis zeichnen, die kindlicher Angst und Unruhe durch kluge Maßnahmen vorbeugt. Dazu gehören:

  • Kindgerechte Möblierung – damit sind nicht unbedingt grelle Farben oder Massen an Spielzeug gemeint, sondern eine offene, helle Atmosphäre.
  • Ein zugewandtes und entspanntes Praxisteam – Helferinnen, die auch nonverbal positiv kommunizieren können
  • Behandler – Ärzte, die als positive Führungspersönlichkeit auftreten, denen man gerne vertraut, die kreative und spielerische Ideen haben und diese zielgerichtet in den Behandlungsablauf einbringen.

Der Behandlungsstuhl ist ein Raumschiff und am Ende gibt es eine Belohnung wie ein Tattoo. Das alles wirkt aufwändig. Sind die Abläufe im Team und mit den kleinen Patienten gelernt, können sich alle auf die beruhigenden Rituale verlassen.