Zum Weltosteoporosetag (20. Oktober) werfen wir einen genaueren Blick auf die chronische Erkrankung, bei der Knochen porös und brüchig werden. Rund sechs Millionen Menschen leiden in Deutschland an Osteoporose. Was hat das mit den Zähnen zu tun, werden Sie sich fragen. Nun, eine ganze Menge! Bei chronischen Krankheiten steht die Zahngesundheit in engem Zusammenspiel mit dem Gesamtbefinden der Patienten. Oralchirurg Dr. Philip Stehling aus Neumünster erklärt uns im Interview, was für die Betroffenen wichtig ist.

Arzt erklärt Frau ein Röntgenbild. Information Mundgesundheit klärt zum Weltosteoporosetag auf.

Das Wichtigste auf einen Blick:

  • Osteoporose (Knochenschwund) kann Auswirkungen auf die Mundgesundheit haben.
  • Bei medikamentös behandelter Osteoporose ist regelmäßige zahnärztliche Kontrolle besonders wichtig.
  • Zahnärzte sind ein wichtiger Teil der interdisziplinären medizinischen Behandlung.
  • Austausch und ganzheitlicher Behandlungsansatz sollte immer an erster Stelle stehen.
  • Der Einsatz von Zahnimplantaten sollte immer individuell abgewogen werden.

Warum ein ganzheitlicher Behandlungsansatz für Osteoporose-Patienten wichtig ist

Der Weltosteoporosetag macht jährlich am 20. Oktober auf eine chronische Erkrankung aufmerksam, die selten frühzeitig diagnostiziert wird. Bei einer Osteoporose (Knochenschwund) werden Knochen schnell porös und brüchig. Hauptfolge sind Knochenbrüche, die meist nur schwer und langwierig heilen. Laut Bundesselbsthilfeverband für Osteoporose e.V. (BfO) sind 80 Prozent der Betroffenen Frauen, die häufig nach den Wechseljahren erkranken. Ab 40 Jahren überwiegt auch bei gesunden Menschen der Knochenabbau. Osteoporose-Patienten verlieren aber viel schneller Knochenmasse als gesunde Menschen.

Fachbegriffe in diesem Artikel kurz erklärt

Bisphosphonate: Eine Medikamentengruppe, die regelmäßig zur Behandlung einer Osteoporose eingesetzt werden. Sie hemmen den Knochenabbau und reichern den Knochen auf der Oberfläche an. Für die Mundgesundheit kritisch: Bisphosphonate verändern den Knochenstoffwechsel so, dass er seine Abwehrkräfte verliert. Bakterien haben es leichter, entlang der Zähne in den Knochen vordringen können.

DVT: Die Abkürzung für Digitale Volumentomografie. Darunter versteht man ein dreidimensionales, bildgebendes Tomografie-Verfahren. Mit diesen Aufnahmen macht sich der Zahnarzt ein exaktes Bild von Zähnen und Kiefer.

Antiresorptive Therapie: Antiresorptive Medikamente werden eingesetzt, um den Knochenabbau zu verhindern.

Osteonekrose: Bei einer Osteonekrose oder Knochennekrose im Zahnkiefer stirbt der betroffenen Knochen ab und es kommt zu Schwachstellen in der Knochenstruktur.

Folgen einer Osteoporose sind beispielsweise ein deutlich erhöhtes Risiko für Oberschenkel- oder Wirbelsäulenfrakturen. Aber auch die Zahngesundheit sollten Patienten und Behandler im Blick behalten. Insbesondere, wenn die Osteoporose medikamentös behandelt wird.

Warum das so ist und was es speziell zu beachten gilt, erklärt Oralchirurg Dr. Philip Stehling aus Neumünster.

Oralchirurg Dr. Philip Stehling aus Neumünster. Praxis für Implantologie und Oralchirurgie in der Alten Holstenbrauerei


Welche Auswirkungen hat die Osteoporose auf die Mundgesundheit?

Gerade die medikamentös-behandelte Osteoporose stellt für den Zahnarzt eine durchaus ernstzunehmende Herausforderung dar. Schon kleinste Druckstellen können untherapiert und vor allem undiagnostiziert erhebliche Folgen nach sich ziehen. Dabei ist die medikamentös-assoziierte-Osteonekrose des Kiefers sicherlich die drastischste Form.


Osteoporose wird oft spät diagnostiziert, kann der Zahnarzt eine Osteoporose schon früher erkennen, z. B. bei Knochenschwund ohne Entzündungsgeschehen?

Hier fehlen derzeit aus meiner Sicht wissenschaftliche Daten und auch diagnostische Ansätze. Knochendichtemessungen im Kieferbereich wurden in einzelnen Fallberichten bzw. präklinischen Studien beschrieben, aber hier fehlt mir das verlässliche diagnostische Mittel. In einigen DVT wird ein Tool zur Dichtemessung mit angeboten. Das kann sicherlich in ganz wenigen Fällen mal eine Option sein, wenn ohnehin ein DVT, zum Beispiel zur Implantatplanung, angefertigt wurde.

Aber da sich die Osteoporose an den Kiefern nicht primär manifestiert, ist es aus meiner Sicht für einen Zahnarzt kaum möglich eine Osteoporose zu diagnostizieren. Dies sollte auch in den Händen der spezialisierten fachärztlichen Kollegen bleiben.

Wir sollten uns aber nicht scheuen, unsere Patientinnen, welche ja wesentlich häufiger betroffen sind, bei einem Verdachtsmoment anzusprechen und bei Bedarf an die ärztlichen Kollegen zu verweisen.


Wie unterstützt der Zahnarzt Osteoporose-Patienten?

In erster Linie durch Aufklärung. Idealerweise noch bevor eine medikamentöse Therapie eingeleitet wurde. Und dann natürlich auch durch regelmäßige Kontrollen im Rahmen des üblichen Recalls in Kombination mit prophylaktischen und anderen unterstützenden Maßnahmen. Gerade im Verlauf einer antiresorptiven Therapie sollte der Fokus unbedingt auf den Zahnerhalt gelegt werden, um chirurgische Interventionen möglichst zu vermeiden.


Wie sieht eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den behandelnden Fachärzten aus?

Kommunikation ist, wie so häufig, der Schlüssel. Ich persönlich habe den Eindruck, dass unsere Fachgesellschaften in alle Richtungen Informationen teilen und ganz wichtige Aufklärungsarbeit, gerade interdisziplinär, leisten.

Für mich bedeutet es in der Praxis aber auch, dass ich regelmäßig mal zum Telefon greife, um mit den ärztlichen Kollegen oder auch mit Spezialisten aus dem Fachbereich zu sprechen. Da habe ich bisher wirklich nur positive Erfahrungen gesammelt und festgestellt, dass alle Beteiligten an einem regen Austausch interessiert sind. Darüber hinaus habe ich das große Glück einen ausgewiesenen Experten in PD Dr. Dr.  Alexandre Assaf vom Uniklinikum in Hamburg Eppendorf mehr oder minder direkt vor der Tür zu haben, so dass ich ihn auch immer zu Rate ziehen kann.

Knochenschwund kann auch den Kieferknochen betreffen. Ob eine Implantation überhaupt in Frage kommt, was es zu beachten gilt und welche Alternativen es gibt, erklärt Dr. Stehling in den folgenden Antworten.


Wann ist eine Zahnimplantation bei Osteoporose-Patienten möglich?

In Abhängigkeit von dem Schweregrad und der medikamentösen Therapie ist eine Implantation sicherlich möglich. Bei milden Formen, die ohne antiresorptive Medikamente behandelt werden, spricht in der Regel nichts gegen eine Implantatinsertion.

Grundsätzlich kann auch bei oder nach einer antiresorptiven Therapie eine Implantation erwogen werden. Ich persönlich bin da aber sehr zurückhaltend. Letztlich stellt sich für mich immer die Frage, was für den Patienten die beste Lösung ist. Denn auch eine schaukelnde Vollprothese birgt ein nicht zu unterschätzendes Risiko.


Wann ist eine Zahnimplantation bei Osteoporose-Patienten ausgeschlossen?

Es gilt immer abzuwägen, ob das Risiko für eine Kiefernekrose gegeben ist oder es anamnestisch bereits eine gegeben hat. Die aktuellste Leitlinie aus 2016 gibt diesbezüglich einen sehr guten Überblick. Schlussendlich ist es aber immer eine situative Entscheidung, die von vielen Faktoren abhängig ist. Kategorische Kontraindikationen kann ich nicht pauschal aussprechen.

Am Ende fallen die Entscheidungen dann immer in enger Abstimmung mit den prothetisch versierten Kollegen. Erst wenn auch diese eine Verbesserung der kau-funktionellen Situation durch den Einsatz von Implantaten sehen, planen mein Team und ich weiter. Wir streben bei Hochrisikopatienten aber tendenziell eher die Idealisierung der Prothese an.


Was müssen Implantologen / Chirurgen beachten, wenn der Implantatpatient gegen Osteoporose mit Bisphosphonaten behandelt wird?

Vor der Therapie mit Bisphosphonaten oder monoklonalen Antikörpern sollte eine kritische Beurteilung des Zahnbestands erfolgen. Ziel sollte es sein, etwaige chirurgische Eingriffe im Vorfeld zu erledigen, so dass im Verlauf der medikamentösen Therapie idealerweise keine mehr erfolgen müssen. Denn die unversehrte Schleimhaut mit einer guten Mundhygiene, sind der beste Schutz vor einer Kiefernekrose.

Implantate, die vor einer antiresorptiven Therapie eingebracht wurden, sollten regelmäßig, engmaschig kontrolliert werden. Das gilt aber auch im gleichen Maß für den noch vorhandenen natürlichen Zahnbestand.

Vielen Dank für das Gespräch und die wichtigen Informationen!


 

Gesamtbefinden positiv durch gesunde Zähne beeinflussen

Gerade bei chronischen Erkrankungen wie der Osteoporose, lohnt sich immer ein Blick in den Mund. Eine gute zahnmedizinische Betreuung verbessert das Gesamtbefinden der Betroffenen deutlich senkt die Risiken für mögliche Folgeschäden der Krankheit.

Es lohnt sich, bei vielen anderen Beschwerden und Erkrankungen einen Besuch beim Zahnarzt einzuplanen. Häufig liegt ein Teil der Antworten auf die Beschwerden im Mund verborgen, auch wenn dies auf den ersten Blick nicht ersichtlich ist.

Was die regelmäßige Kontrolle in der Zahnarztpraxis mit Ihrer allgemeinen Gesundheit zu tun hat, lesen Sie in unserem Artikel „Die Prophylaxe beim Zahnarzt: Mehr als ein Frühjahrsputz für die Zähne!“


Weitere Informationen zur Osteoporose und einen ersten Risikotest bietet das Portal „Mit Herz & Kopf für starke Knochen“ des Biotechnologie-Unternehmens Amgen.