Wir werden immer älter und unsere Zähne auch – dank Vorsorge und konsequenter häuslicher Zahnpflege. Stellt das ältere oder sogar alte Gebiss andere Ansprüche? Wie sind die zu erfüllen? Was können Angehörige tun? Information Mundgesundheit gibt Anregungen für Betroffene und Angehörige.

Zahnprophylaxe und Mundgesundheit geben ein Leben lang den Takt vor

Deutsche, die beispielsweise im Jahr 2018 das 65. Lebensjahr erreichen, wurden im Frieden geboren, haben kaum schweren Mangel erlitten und erlebten ein Erstarken des Gesundheitsbewusstseins.

  • Wer erinnert sich? In den 1970er-Jahre gab es Fluoridtabletten, die in der Grundschule verteilt wurden und nach Kakao schmeckten.
  • 1989 führte man das Bonusheft ein, in dem der Zahnarzt bis heute Vorsorgeuntersuchungen notiert – Grundlage für einen erhöhten Zuschuss beim Zahnersatz.
  • Heute diskutiert man, ob zuckerhaltiger Kakao aus den Schulen verschwinden soll.

TIPP | Wer sich für Zucker in Lebensmitteln und die Auswirkung auf unsere Zähne interessiert: Die süße Gefahr: Was wir über Zucker wissen sollten

Laut einer Studie der pronova BKK vom August 2018 ist die Zahnvorsorge sogar beliebter als die für eine Krebserkrankung. Alle Aspekte sprechen dafür, dass die wachsende Zahl der Senioren heute und in Zukunft ihre Zähne gewissenhaft pflegen und so für ihr allgemeines Wohlbefinden sorgen wird – Ausnahmen gibt es natürlich immer. Die Voraussetzungen, auch im hohen Alter mit den eigenen, gesunden Zähnen zu leben, sind aber so gut wie nie zuvor.

Zahnprophylaxe schützt auch im Alter vor Gesundheitsrisiken

Aufmerksame Leser von Information Mundgesundheit wissen es: Kranke Zähne und Parodontitis bergen Risiken für vielfältige Krankheiten wie

  • Herzinfarkt und Schlaganfall
  • Lungen- und Herzentzündung
  • Diabetes
  • Rücken-, Knie- und Nackenschmerzen
  • Kopfschmerzen und Migräne

Über Nerven und Blutgefäße sind Zähne und Zahnfleisch mit dem übrigen Organismus verbunden. Fehlt die Pflege, gelangen Bakterien ganz bequem in die Blutbahn und Organe. Bei einem geschwächten Immunsystem, wie es bei älteren Menschen vorkommen kann, haben die Erreger leichtes Spiel.

Alt, aber selbstständig! Wer die häusliche Zahnpflege an die Lebensphase anpasst, gewinnt mehr als Gesundheit: Zufriedenheit!

Es ist nicht einfach, im Alter die Gewohnheiten zu ändern. In Sachen Mundgesundheit lassen sich diese “Neuheiten” ganz gut umsetzen:

  • Elektrische Zahnbürste
  • Antibakterielle Zahnpasta
  • praktische Interdentalbürste
  • gesunder Speichelfluss

Elektrische Zahnbürste: Technik gleicht körperliche Einschränkung aus

Das ging doch früher auch so – gemeint ist das Zähneputzen mit der Handzahnbürste. Wer sich uneingeschränkt und schmerzfrei bewegen kann, kommt mit der herkömmlichen Zahnbürste sicherlich zurecht – wenn er die richtige Putztechnik beherrscht. Ist die Armbewegungen durch Arthritis eingeschränkt oder nicht möglich, hilft eine elektrische Zahnbürste. Die putzenden Bewegungen werden vom Bürstenkopf ausgeführt. Die Zahnbürste selber muss nur ausdauernd entlang des Gebisses geführt werden.

ANREGUNG: In der Regel treten Beschwerden bei dem Arm auf, mit dem auch bevorzugt gearbeitet wird – also an der dominanten Hand. Der Handwechsel beim Zähneputzen würde diszipliniertes Üben bedeuten, wäre aber auch ein Gewinn: Das Gehirn wird trainiert, die Selbstständigkeit erhalten, die schmerzende Hand entlastet. Der Zahnarzt sollte den Putzerfolg prüfen, damit gefährlicher Biofilm auch wirklich entfernt wird.

Antibakterielle Zahnpasta beugt Zahnfleischproblemen vor

Die Inhaltsstoffe Zinnfluorid und Zinnchlorid haben eine antibakterielle Wirkung und remineralisieren den Zahnschmelz. Aber wie findet man in dem Riesenangebot von Zahnpasten die geeignete? Sicher nicht eine nach der anderen ausprobieren, sondern direkt das Fachpersonal beim Zahnarzt fragen. Bei der Prophylaxeuntersuchung gehören Empfehlungen für die optimale häusliche Zahnpflege dazu.

Zahnseide ist zu kompliziert? Dann hilft die Interdentalbürste

Senioren sollten so lange wie möglich selbstständig für ihre Mundhygiene sorgen. Die Säuberung der Zahnzwischenräume gehört dazu. Im Alter kann die effektive Handhabung von Zahnseide zum Problem werden. Sie ist so fein, dass man sie schlecht sieht und spürt. Die Bürste für Zahnzwischenräume ist handlich und ersetzt die Zahnseide optimal.

Trockener Mund? Den Speichelfluss anregen!

Speichel sorgt in unserem Mund ganz natürlich für Zahngesundheit. Er reinigt sanft die Zähne, remineralisiert den Zahnschmelz und hält Säuren in Schach. Bei älteren Menschen funktioniert das nicht mehr so gut: Oft wird zu wenig getrunken, und es gibt Medikamente, die für Mundtrockenheit sorgen. Was hilft? Immer wieder zum Trinken anregen! Flüssigkeit ist für den gesamten Organismus wichtig. Von der Bandscheibe bis zur Blase brauchen die Organe ausreichend Flüssigkeit. Der Toilettengang wird als lästig empfunden. Darum: praktische Kleidung wählen, den Toilettensitz erhöhen, Stolperfallen auf dem Weg dorthin entfernen, den Raum attraktiv gestalten. Sind Medikamente der Grund, muss der Hausarzt konsultiert werden. Vielleicht gibt es Alternativen. Klappt das Schlucken, sind zuckerfreie Bonbons gut, um den Speichelfluss anzuregen.

Eile mit Weile: Senioren dürfen sich Zeit nehmen – auch für die Zahnpflege. Mindestens zweimal am Tag sollten die Zähne geputzt werden. Dieses Ritual kann den Tag bewusst eröffnen und beschließen. Was habe ich heute vor? Was ist heute passiert? Beim Zähneputzen lässt sich wunderbar sinnieren. Und man tut sich selber etwas Gutes!

Wenn gesundheitsbewusste Senioren ihre Selbstständigkeit einbüßen

Was passiert, wenn die Motorik eingeschränkt ist? Der ältere Mensch weiß, dass es Zeit zum Zähneputzen ist, aber er kann es selber nicht mehr umsetzen. Jetzt sind Partner, Angehörige und Pflegekräfte gefragt. Hier ein paar praktische Tipps:

Welche Position ist für die Zahnpflege bei pflegebedürftigen Senioren praktisch?

Die Position muss aufrecht sein. Dafür das Kopfteil des Bettes hochstellen oder die Person sollte sich auf die Bettkante setzen – falls das möglich ist. Die Gefahr, sich zu verschlucken, muss gebannt werden.

Was brauche ich für die Zahnpflege am Bett?

Eigentlich das gleiche wie im Bad: Zahnbürste, Zahnpasta, Zahnseide oder Interdentalbürste. Außerdem einen Becher mit Wasser, eine Schüssel zum Ausspucken und ein Tuch zum Auffangen von Flüssigkeit. Vielleicht müssen vor dem Putzen die Lippen gereinigt werden. Legen sie alles griffbereit auf ein Tablett oder Tischchen.

Wenn sich die Person weigert?

Sie sollten vorher erklären, was Sie vorhaben. Schildern Sie ruhig und verständlich, was passieren wird und zeigen Sie der pflegebedürftigen Person die Zahnbürste. Planen Sie Zeit ein. Sollten Sie mehrfach keinen Erfolg haben, wenden Sie sich an den Arzt und tauschen Sie sich mit dem Pflegepersonal aus.

Zähneputzen: Ist Hilfe notwendig? Ein Schnelltest gibt Auskunft.

Das Universitätsklinikum Jena hat einen Test entwickelt, mit dem schnell klar wird, ob ein Senior oder eine Seniorin die Zahnpflege selber durchführen kann. Dafür werden zwei Testmethoden kombiniert.

“Geldzähltest”: Die Person soll aus ihrem Portemonnaie den Betrag von 9,80 € herausholen und abzählen. Motorik, Wahrnehmung und das Sehen werden geprüft.

“Nackengriff”: Die Person muss ihre Hand zum Nacken führen und zurück. Die Beweglichkeit wird geprüft.

Gelingt beides nicht mehr, ist die selbstständige Zahnpflege durch andere notwendig.

Senioren dürfen auf professionelle Zahnreinigung nicht verzichten

Wir werden immer älter und bleiben dabei auch gesünder. Das bedeutet unter anderem: Wir brauchen oft keine Zahnprothese. Immer mehr Senioren mit dem eigenen natürlichen Gebiss gehören zu den Patienten in einer Zahnarztpraxis. Der demografische Wandel sollte nichts an den guten Gewohnheiten ändern: Professionelle Zahnreinigung ist auch für Senioren zweimal angesagt. Beim Zahnarzt ist man auf die geriatrisch veränderte Situation von Zähnen und Mundraum eingestellt:

  • Abrasivität – also die Schmirgelwirkung – der Instrumente wird anpasst
  • je nachdem kommen diamantierte Spitzen für die punktgenaue Entfernung von harten Belägen zum Einsatz
  • Verfärbungen und Plaque werden sanft mit Pulverstrahlgeräten entfernt

Sind Entzündungen oder Deformationen im Mundraum sichtbar? Dem Zahnarzt und seinem Team fällt bei der PZR die Aufgabe der Vorsorge zu. Hinweise auf Krankheiten sollten mit den Patienten oder den betreuenden Personen besprochen werden, damit andere Mediziner ansetzen können.

Wurzelkaries auf dem Vormarsch. Immer mehr Senioren werden mit ihren eigenen Zähnen sehr alt. Die Pflege des noch vorhanden Gebisses ist anspruchsvoll – die Reinigung einer Prothese macht weniger Mühe. Insbesondere Wurzelkaries zeigt sich bei älteren Patienten vermehrt. Es handelt sich dabei um Karies, der freiliegende Zahnhälse befällt, nachdem sich das Zahnfleisch zurückgezogen hat. Zur Eindämmung oder Reduktion der schmerzhaften Wurzelkaries dienen Zahnpasta mit Fluorid sowie das Auftragen von speziellen Lacken durch den Zahnarzt.

"Der Bedarf an Unterstützung wird in den kommenden Jahren noch größer werden"

Zahnarzt Hans-Georg Stromeyer von den Zahnärzten im Wengentor Ulm erklärt, worauf es bei der Behandlung von Senioren in der Zahnarztpraxis ankommt.

Von der Terminvergabe bis zur Behandlung: Wie erleichtern Sie älteren Menschen den Besuch beim Zahnarzt?

Hans-Georg Stromeyer Wichtig ist zunächst mal, dass ältere Patienten unsere Praxis ohne Probleme erreichen können. Daher haben wir unsere Räume und die Zugänge barrierefrei eingerichtet. Beim Umgang mit den Patienten achten wir darauf, dass wir alles genau und verständlich erklären. Unsere Mitarbeiter nehmen sich Zeit und helfen auch beim Ausfüllen von Formularen. Und natürlich erinnern wir unsere Patienten an Ihre Termine, damit die nächste Behandlung nicht vergessen wird.

Wie wichtig ist Vertrauen bei der Behandlung älterer Menschen?

Hans-Georg Stromeyer Grundsätzlich ist Vertrauen zwischen Zahnarzt und Patient natürlich bei jeder Behandlung wichtig. Gerade ältere Menschen benötigen oft viel Zeit, um sich an die Situation und die Personen in der Praxis zu gewöhnen. Nach meiner Erfahrung ist es ganz wichtig, die Sorgen und Ängste der Patienten ernst zu nehmen und ihnen zuzuhören.

Wie unterstützen Sie ältere Patienten bei der Zahnprophylaxe?

Hans-Georg Stromeyer Vertrauen und Respekt bilden die Basis für jede Behandlung. Das besondere Fachwissen zur Alterszahnheilkunde mit speziellen Behandlungsmethoden für Senioren ist aber Voraussetzung für eine angemessene Zahnprophylaxe im Alter. In unserer Praxis kümmert sich unter anderem eine Dentalhygienikerin um die Vorsorge. Das ist der höchste Abschluss in der zahnmedizinischen Prophylaxe in Deutschland. Wir legen hier bewusst Wert auf Qualität, denn wir möchten unsere Praxis in Zukunft noch gezielter auf die Alterszahnheilkunde ausrichten. Der Bedarf an professioneller Unterstützung bei der Zahnprophylaxe älterer Menschen ist auf jeden Fall da – und wird sicher noch größer werden in den kommenden Jahren!

“Weisheit” im Alter … eine anspruchsvolle Aufgabe, die mit persönlicher Disziplin, individueller Zuwendung durch das Umfeld und aufmerksamen Zahnärzte gelingen kann. Zahnpflege braucht im Alter Zeit und Zuwendung!